Deutschkurse im Theater

Völlig am eigentlichen Thema vorbei

– Nathan der Weise im Celler Schlosstheater 

Derzeit ist Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“ von 1779 frei inszeniert nach Mona vom Dahl als Theaterstück im Celler Schlosstheater anzusehen.

Inhaltlich thematisiert das Werk den Toleranzgedanken der Aufklärung anhand der Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam, der durch die Blutsverwandtschaft der Charaktere, die die verschiedenen Religionen verkörpern, verdeutlicht wird.

Die Meinungen zum Stück gehen weit auseinander und gerade in Bezug auf die Umsetzung der eigentlichen Thematiken hagelte es mächtig an Kritik. So muss das ein oder andere definitiv kritisch beäugt werden.

Zuerst einmal lässt sich aber festhalten, dass die Rollenbesetzung in großen Teilen sehr gelungen ist. Irene Benedict (als Recha) überzeugt als naive kindliche Tochter und auch Tanja Kübler (als Sittah) trägt ihre Rolle gut nach außen. Nachhaltig beeindruckend ist außerdem die Kunst der Akteure mit der altertümlichen Sprache zu schauspielern, die nahezu wortwörtlich beibehalten wurde. Als Schauspieltalent ist besonders Niklas Hugendick, der den Tempelherrn spielt, hervorzuheben.

Trotz dessen ist die thematische Umsetzung leider weitestgehend missglückt. So wird der Toleranzgedanke und der Konflikt der Weltreligionen zwar mehr oder weniger deutlich, der Dialog wird jedoch kaum als Mittel zur Aufklärung genutzt, was eigentlich einen Kernaspekt des Stücks darstellen sollte. Dafür verhalten sich die Schauspieler viel zu körperlich zueinander, sowohl was Sittah und Saladin als auch Nathan und Saladin betrifft. Auch Nathan und Recha wirken sehr eng miteinander verbunden, weshalb der Zuschauer eher von Nathan als guten Familienvater, nicht aber als weisen Aufklärer überzeugt wird. Zudem wird Nathan während der Aufführung immer mal wieder sehr laut und brüllt nahezu, was ihn als „Weisen“ zusätzlich unglaubwürdig erscheinen lässt.

Einige Zuschauer klagten außerdem über die teilweisen ungünstigen Sitzplätze, von denen aus nur ein kleiner Teil der Bühne einzusehen ist.

Insgesamt ist das Theaterstück als Anlehnung an das eigentliche Drama aufgrund der gescheiterten Themenumsetzung also nicht gelungen, was schade ist, denn das Potential war durch die Schauspieler in jedem Fall gegeben. Wer sich dessen jedoch bewusst ist, dass ihn hier lediglich eine Abwandlung des Dramas erwartet, wobei einige Kernaussagen verloren gegangen sind, und die Erwartungen somit etwas zurückschraubt, kann allerdings auch positiv überrascht werden. An schauspielerischem Talent und an der passenden Atmosphäre mangelt es schließlich in keinem Fall.                                                                                    Carlotta Dütz

 

Werke, die Mauern überdauern – Nathan der Weise reißt sie ein!

Die Angst vor Neuem und Unbekanntem geht verstärkt um in Deutschland. Aktuell sorgen Geflüchtete aus Krisengebieten und ihre möglicherweise teilweise fundamentale Religion, die hierzulande übernommen werden könnte, bei einem Teil der Bevölkerung für Besorgnis. Die Aufklärer, wie Lessing, waren da schon vor 300 Jahren weiter. Doch noch immer sind ihre Werke aktuell. Im Celler Schlosstheater wird nun von eben jenem Lessing “Nathan der Weise”, frei inszeniert von Mona vom Dahl, aufgeführt. In der Hauptrolle des 1783 uraufgeführten Werkes spielt Dirk Röther die Hauptrolle des Nathan.

Sowohl im Original, sowie in der Neuinszenierung der Komödie kehrt der jüdische Kaufmann Nathan von seiner Reise zurück nach Jerusalem und findet seine angenommene Tochter Recha in Schwärmerei für ihren engelhaften Retter aus dem Feuer, den Tempelritter. Im Laufe des Geschehens stellt sich heraus, dass es familiäre Verwicklungen gibt, die religionsübergreifend Toleranz und Zuneigung wecken und den Konflikt vermindern. Es stellt sich heraus, dass Recha und der Ritter Geschwister sind und zudem eine Verbindung zur herrschenden muslimischen Familie besteht.

Die Gleichheit der Religionen, wie eben erwähnt, wird in beiden Umsetzungen thematisiert, rückt in der modernen Inszenierung jedoch deutlich in den Hintergrund. Stattdessen ist nun die Familie von höherer Bedeutung für den Zuschauer, der sich dank überzeugenden Schauspieltalents hervorragend in die Situation hineinversetzen kann. Die Toleranz spielt in beiden Fassungen eine entscheidende Rolle, in dem es am Ende zur Versöhnung der Religionen in der Familie kommt. Entgegen Lessings Werk kommt in Celle nun auch die Macht des Geldes, entspringend aus Nathans Reichtum, deutlicher zur Geltung. Das Streben der Menschheit nach Macht und Geld ist bis heute ungebrochen, sodass die modernisierte Auffassung den Zuschauer mit Aktualität konfrontiert. Sehr gut!

In Stücken wurde “Nathan der Weise” 2017 modernisiert, indem die Schauspieler zeitgemäß gekleidet sind, moderne Technik als Ersatz klassischer Elemente zum Einsatz kommt. Dies bricht sich mit der beibehaltenen altertümlichen Sprache Lessings, was zu einer interessanten und zum Nachdenken anregenden Mischung führt.

Angenehm ist, dass der Spielfluss nicht durch Bühnenbauarbeiten unterbrochen wird, da mittels zweier großer, dynamischer Wände das Bühnenbild dargestellt wird. Zudem haben die Wände die Funktion, die Trennung zwischen den Religionen für den Zuschauer optisch vorzuführen. Diese eigentlich nur gedanklichen Mauern werden während des Stückes verschoben, bis hin zur Offenheit. Ein wohltuender Anblick in Zeiten, in denen mehr Mauern gebaut werden als Brücken.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die thematische Schwerpunktverlagerung nicht zu den Höhepunkten zählt und dennoch kann das Stück überzeugen, indem eine sehr gelungene Modernisierung mit den wunderbaren Wänden stattgefunden hat, die lohnenswert und weiterzuempfehlen ist. Wer sich das nicht entgehen lassen möchte, hat nächstes Jahr am 30. Januar die Chance, es sich im historischen sehr schönen Schlosstheater anzuschauen.

                                                                                           Franka Borchers und Patrick Semrau